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Mündigkeit oder Einordnung? Das Höcke-Interview bei „Ungeskriptet“

Was bedeutet Aufklärung im 21. Jahrhundert?


Wie viel medialen Raum darf ein kontroverser Politiker bekommen?


Und wo liegt die Grenze zwischen Zuhören und journalistischer Verantwortung?


Diese Fragen sind keine rein akademischen Gedankenspiele. Sie entscheiden darüber, wie offen und mündig unsere öffentliche Debatte wirklich ist – und ob wir in Zeiten von Podcasts und Social Media noch fähig sind, mit unbequemen Positionen umzugehen, ohne sie entweder zu dämonisieren oder unkritisch zu übernehmen.


Das viereinhalbstündige Interview des Podcasters Ben Berndt („Ungeskriptet“) mit dem Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke (Ich habe mich getraut, Björn Höcke einzuladen) hat eine enorme Resonanz ausgelöst: Innerhalb weniger Tage erreichte es mehrere Millionen Aufrufe. 


Während viele darin ein Beispiel für offenen Dialog sehen, kritisieren andere es als gefährliche Plattform für rechtsextreme Positionen ohne ausreichende Einordnung. Der Spiegel und weitere Medien bezeichneten das Gespräch als zu lang, zu freundlich und zu unkritisch.


Der Fall zeigt, in welchem Spannungsfeld Meinungsfreiheit, Verantwortung und Mündigkeit stehen.


1. Das Interview: Eine „Schweiz der Podcasts“?

Ben Berndt positioniert sein Format bewusst als neutralen Raum – eine Art „Schweiz der Podcasts“, in der Gäste aus unterschiedlichen Lagern ausführlich zu Wort kommen dürfen, ohne ständige Unterbrechungen oder moralische Vorverurteilung.


Im Gespräch mit Höcke ließ er den AfD-Politiker ausführlich über seinen Werdegang als Lehrer und Familienvater sprechen, über Geschichtsbilder, Migrationspolitik, den Verfassungsschutz und das Selbstverständnis der Bundesrepublik. 


Höcke nutzte die Zeit, um sich als reflektierter „Politiker wider Willen“ zu präsentieren. Er kritisierte „Demokratiesimulation“ und „Multikulturalisierung“, sprach von „postparlamentarischen Zuständen“, einem „Mordkomplott gegen das deutsche Volk“ und „ethnokultureller Identität“. 


Berndt stellte Fragen, hörte aufmerksam zu und vermied harte Konfrontationen.


Das Ergebnis: Ein langes, ruhiges Gespräch, das für viele Zuschauer einen anderen Höcke zeigte als das Bild, das klassische Medien von ihm zeichnen. 


Das Interview stieß sowohl in etablierten als auch in alternativen Medien auf riesige Resonanz. 


Kritiker werfen Berndt vor, Höcke eine unkritische Bühne geboten und zentrale Aussagen (etwa zur Demokratie oder Remigration) nicht ausreichend hinterfragt zu haben. 


Befürworter sehen darin einen notwendigen Gegenpol zur oft zugespitzten und stark einordnenden Berichterstattung etablierter Medien. Die Kommentare unter dem Video sind überwiegend positiv.


2. Medienethik: Audiatur et altera pars – aber wie?

„Audiatur et altera pars“ ist ein lateinischer Rechtsgrundsatz, der übersetzt „Man höre auch die andere Seite“ bedeutet. Er stammt aus dem römischen Recht und besagt, dass vor einer gerichtlichen Entscheidung alle Parteien gehört werden müssen, um ein faires Verfahren zu gewährleisten.


In der Medienethik bedeutet er, dass im öffentlichen Diskurs unterschiedliche Standpunkte gehört werden sollten.


Bei einem Gast wie Björn Höcke prallen zwei Prinzipien aufeinander: Auf der einen Seite das Informationsinteresse der Öffentlichkeit und das Recht auf freie Meinungsäußerung eines gewählten Politikers. Auf der anderen Seite die journalistische Sorgfaltspflicht und die Verantwortung, potenziell demokratiegefährdende Positionen nicht unkommentiert zu lassen.


Diese Sorgfaltspflicht und Verantwortung - so die Kritik - habe Berndt nicht erfüllt. 


Doch Berndt beansprucht überhaupt nicht, Journalist zu sein. Sein Ziel ist, klüger aus Gesprächen herauszugehen. Er will „verstehen“ und dem Publikum eigene Schlüsse ermöglichen. 


Das erinnert an das Kant’sche Ideal aus dem Essay „Was ist Aufklärung?“ (1784):

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Kant forderte Mündigkeit – die Fähigkeit, ohne Leitung eines anderen zu denken. Ein langes, ungeschnittenes Interview könnte genau das fördern: Dem Publikum die Möglichkeit geben, selbst zu prüfen, statt vorab eingeordnet zu bekommen.


Kritiker halten dagegen, dass echtes Verstehen Nachfragen, Kontext und Widerspruch braucht. Ohne diese Elemente drohe die Gefahr, dass man ungewollt und unkritisch radikalen Positionen eine Plattform gebe. 


3. Reichweite als neuer Machtfaktor

Der enorme Erfolg des Interviews – mehrere Millionen Aufrufe in kurzer Zeit – macht einen tiefgreifenden Wandel sichtbar: Alternative Formate erreichen ein Publikum, das klassische Medien kaum noch erreichen. Viele Zuschauer schätzen besonders die Länge und die ruhige, ungekürzte Gesprächsatmosphäre im Gegensatz zu kurzen, polarisierenden Talkshow-Segmenten.


Zugleich wirft dieser Erfolg die Frage nach der sogenannten Reichweitenverantwortung auf. 


Unter Reichweitenverantwortung versteht man die These, dass große Sichtbarkeit besondere Pflichten mit sich bringt. Wer Millionen erreicht, so die Argumentation, trage eine gesteigerte Verantwortung dafür, dass Inhalte nicht einseitig, irreführend oder demokratiegefährdend wirken. 


Kritiker fordern deshalb von Podcastern wie Berndt stärkere Einordnung, deutlichere Nachfragen und die Einbeziehung von Gegenpositionen.


Doch wer definiert, was „verantwortungsvolle“ Reichweite ist? 


Besteht nicht die Gefahr, dass der Begriff vor allem von etablierten Medien als neues Instrument des Gatekeepings genutzt wird? 


Gatekeeping bezeichnet in der Medienlandschaft die Kontrolle, Einschränkung oder Regulierung des Zugangs zu Informationen durch bestimmte Personen oder Mechanismen. „Gatekeeper“ entscheiden aktiv darüber, welche Inhalte, Ideen oder Personen als würdig erachtet werden, „passieren“ zu dürfen.


Das Interview hat vor allem deshalb so große Resonanz erzeugt, weil die etablierten Medien Höcke über Jahre weitgehend unsichtbar gemacht haben. Die Strategie des ‚Nicht-Einladens‘ funktionierte in der alten Medienwelt – heute schafft sie lediglich eine Lücke zwischen medialer Darstellung und gesellschaftlicher Realität, die alternative Formate füllen.


Zudem setzt der Begriff der Reichweitenverantwortung ein eher pessimistisches Menschenbild voraus – er unterstellt dem Publikum Passivität und mangelnde Urteilsfähigkeit. 


Womit wir wieder bei Kant wären: Echte Aufklärung bedeutet Mündigkeit. Ein ungeschnittenes Video, in dem der Gast lange und ausführlich seine Position ausbreiten darf, verlangt dem Zuschauer mehr „Mündigkeit“ ab als ein vorab gefilterter oder stark gelenkter Beitrag.


Es kann aber auch die Mündigkeit fördern, indem es dem Zuschauer eigene Schlussfolgerungen ermöglicht, statt ihn vorab zu bevormunden.


Konkret: Ein mündiger Zuschauer überprüft Höckes Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt und ihre Überzeugungskraft. Er recherchiert, was „ethnokulturelle Identität“ bedeutet, wie viele Menschen bei der Bombardierung von Dresden starben und wie der Verfassungsschutz in Deutschland funktioniert.


Und bildet sich dann eine eigene Meinung.


4. Die offene Gesellschaft und ihre Feinde – Popper und der Kampf gegen Ideologien

Höcke selbst spricht im Interview mehrfach kritisch über „Ideologen“ und positioniert sich als Gegenstimme zu ideologischen Verhärtungen in Politik und Gesellschaft. Damit berührt er ein zentrales Thema der politischen Philosophie.


Karl Popper warnte in seinem Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (1945) vor totalitären Denksystemen, die vorgeben, die endgültige Wahrheit zu besitzen. Für Popper zeichnet sich eine offene Gesellschaft gerade dadurch aus, dass sie Kritik, Fehlerkorrektur und den friedlichen Austausch unterschiedlicher Meinungen zulässt. 


Sie muss jedoch intolerant gegenüber Intoleranz sein – das berühmte Paradox der Toleranz. Wer die Grundlagen der offenen Gesellschaft (Demokratie, Rechtsstaat, individuelle Freiheit) aktiv abschaffen will, dem darf die offene Gesellschaft nicht uneingeschränkt Toleranz gewähren. 


Popper schreibt:

„Wenn wir die unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“


Erst wenn Menschen oder Gruppen den rationalen Diskurs verweigern, zu Gewalt aufrufen oder Gewalt anwenden, ist nach Popper eine Einschränkung der Toleranz legitim. Solange Argumente möglich sind, muss mit Argumenten gekämpft werden.


Die spannende Frage lautet: Wer ist in dieser Debatte eigentlich der „Feind der offenen Gesellschaft“? Jene, die kritische Stimmen aus dem Diskurs ausschließen wollen? Oder Höcke, dessen Positionen von vielen als Bedrohung für den liberalen Rechtsstaat gesehen werden?


Popper würde vermutlich fordern: Genau hinhören, argumentativ prüfen – und gegebenenfalls entschlossen widersprechen.


Echte Aufklärung bedeutet, Positionen von allen Seiten kritisch zu hinterfragen, auch die eigenen.


5. Fazit: Bildet euch eine eigene, differenzierte Meinung!

Das Höcke-Interview bei „Ungeskriptet“ legt tiefe Risse in unserer Medienlandschaft offen: das Misstrauen gegenüber klassischen Gatekeepern, den Hunger nach langen, ungeschnittenen Gesprächen und die Schwierigkeit, mit radikalen Positionen umzugehen, ohne sie zu stärken oder zu verharmlosen.


Wir stehen vor einer zentralen aufklärerischen Herausforderung: Wie können wir Mündigkeit fördern, ohne naiv zu sein? Brauchen wir mehr Räume des offenen Zuhörens oder mehr kritische Einordnung, um Desinformation und Radikalisierung vorzubeugen?


Kant mahnt uns: Der Ausgang aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit gelingt nur durch den Gebrauch unseres eigenen Verstandes. 


Popper ergänzt, dass eine offene Gesellschaft Toleranz braucht – aber auch die Entschlossenheit, ihre Grundlagen zu verteidigen. 


Weder blinde Ablehnung noch unkritische Plattform sind aufklärerisch.


Fragt euch selbst kritisch: Reicht langes Zuhören aus, um Positionen wirklich zu verstehen? Wo verläuft die Grenze zwischen notwendigem Dialog und unverantwortlicher Bühne? Und wie viel Ungefiltertes sind wir bereit auszuhalten, um wirklich mündig zu werden?


Aufklärung braucht Mut – den Mut zum eigenen Denken, auch wenn es unbequem ist.


Ich bin gespannt auf eure Gedanken in den Kommentaren. Nutzt sie für einen sachlichen Austausch.




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Karl Popper | Ethik für Intellektuelle



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